Eine Konditorin im „Meisteranflug“, eine Bauunternehmerin, ein Ehrenpräsident mit 30 Jahren Politikerfahrung im Ehrenamt des Handwerks und eine Schneiderin im Ruhestand blicken auf das Handwerk: Was man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen kann. Bei welchen Themen sie sich Unterstützung aus der Politik wünschen. Warum sie für das Handwerk brennen und was ihre Visionen sind.

Wie schätzen Sie das aktuelle Image des Handwerks ein?
Wilfried Pfeffer: Ich mache es mal an einem Beispiel fest, weil es bei über 130 Gewerken wahrscheinlich mit einer pauschalen Antwort schwierig wird. Dort, wo in Aus- und Weiterbildung investiert wird, ist die Begeisterung für den Beruf in der Regel gut. Das große Wissen im Handwerk ist das, was den Beruf vor allem ausmacht. Der Kundschaft etwas zu überreichen, was man selber erschaffen hat. Das war für mich immer ein großes Glückgefühl und meine Kunden haben die Leistung immer sehr geschätzt. Leider ist Handwerk in vielen Bereichen inzwischen ein Luxusprodukt.
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Wilfried Pfeffer
- gelernter Schreinermeister
- von 2009 bis 2024 war er Vize-Präsident der Arbeitnehmer der Handwerkskammer Ulm
- im Gesellenprüfungsausschuss aktiv
Ulrike C. Monz: Handwerker sind ein rares Gut und wenn man Bedarf hat, stellt man als Auftraggeber sehr schnell fest, dass es schwierig ist, einen Handwerker zu finden. Das zieht sich mittlerweile über alle Gewerke und fast alle Berufe hinweg. Ich gehe davon aus, dass dies dem Handwerk deutlich hilft, sein vormals klischeehaftes Image nicht nur zu verbessern, sondern sich auch die Wichtigkeit herausstellt, mit welchem Engagement Fortbildung, Ausbildung und Weiterbildung gerade in den handwerklichen Berufen vorangetrieben werden muss. Hier sind alle gefragt, die Ausbildung,- und Personalverantwortung haben Jeder Handwerker arbeitet in einem zukunftsorientierten Beruf, der aus dem Alltagsleben nicht mehr weg zu denken ist.
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Ulrike C. Monz
- gelernte Diplom Bauingenieurin (FH)
- seit 2004 Inhaberin des Baubetriebs UC Monz
- seit 2008 Stadträtin der Stadt Heidenheim
- weiterhin engagiert in sportlichen, sozialen und kulturellen Organisationen
Wie können junge Leute außerdem vom Handwerk überzeugt werden?
Monz: Wir müssen akzeptieren, dass die Art, wie Menschen miteinander kommunizieren, von Generation zu Generation unterschiedlich ist. Auch hier sind wir angehalten, uns den Bedingungen und Wünschen der jungen Generation anzupassen. Damit dies gut funktioniert, braucht es Vorbilder vor allem für die nachfolgende Generation, so dass bei gemeinschaftlichen Aktivitäten von Jung und Alt zwischen Meistern und Azubis ein gutes Miteinander entstehen kann. Wir haben hierfür in unserem Ausbildungszentrum Bau eigens zwei Lehrkräfte eingestellt, die sich genau um dieses Miteinander kümmern.
Wie stehen die Chancen, mehr Frauen in Handwerksberufe zu bekommen?
Monz: Als Unternehmerin nehme ich alle Chancen wahr, junge Frauen für das Bauhandwerk zu begeistern. Leider hält sich immer noch das Vorurteil, dass der Beruf schwere körperliche Arbeit bedeutet. Moderne Maschinen haben aber in fast allen Bereichen diese Belastung deutlich reduziert. Ziel muss auch sein: Dass wir mehr Frauen in Führungsposition bringen und ins Unternehmertum. Meine Erfahrungen sind, dass Frauen teamorientiert arbeiten und gut mit Risiken umgehen können. Dem Handwerk und der Generation, die nachkommt, würden mehr Frauen sicher guttun.
Sehen Sie sich irgendwann als selbstständige Unternehmerin, Frau Wagner?
Yvonne Wagner: Mein Traum ist ein eigenes Café, in dem ich die Vielfalt an eigenen Produktkreationen ausleben kann. Aber Selbstständigkeit kostet auch erst einmal Geld. Und diesbezüglich finde ich es bedauerlich, dass in unserem Beruf der Aufwand verglichen mit dem, was wir für unsere Produkte in der Regel bezahlt bekommen, so weit auseinanderklaffen. Die meisten Politiker gehen das Thema leider nicht an. Ich verstehe das nicht. Immer wieder wird über Fachkräftemangel gesprochen, aber zugleich wird beispielsweise in den Gewerken Bäcker und Konditor verpasst, die Löhne zu erhöhen. Unattraktive Gehälter gepaart mit unattraktiver Arbeitszeit führen aber natürlich dazu, dass immer weniger Mitarbeitende gewonnen werden. Außerdem wäre es wünschenswert, dass die Wertschätzung echter Handarbeit auch innerhalb der Bevölkerung wieder zunimmt, damit auch entsprechende Preise für die Produkte von Kunden bezahlt werden.
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Yvonne Wagner
- gelernte Konditormeisterin
- Traum eines eigenen Cafés
Was sind die drängendsten Themen, die angegangen werden müssen?
Pfeffer: Ich möchte noch das Thema berufliche Schulen einbringen. Versorgungslücken werden auch größer, weil immer mehr Schulen zumachen. Viele junge Leute entschließen sich gegen eine Lehre, weil es in ihrer Nähe kein Angebot mehr gibt und die lange Anfahrt sie abschreckt. Wir haben gegenüber Politikern gebetsmühlenartig kommuniziert, die Mindestschülerzahl pro Klasse runterzusetzen. Ohne Erfolg. Und damit bricht das Handwerk von alleine weg. Genauso wichtig ist, dass die Politik endlich die hohen Lohnnebenkosten runterbringt. Ich sehe ein ganz großes Problem in den hohen Sozialleistungen. Wir haben in Deutschland 40 verschiedene Steuern. Für viele Selbstständige lohnt sich das nicht mehr. Beziehungsweise sie gehen erst gar nicht in die Selbstständigkeit, weil sie das finanziell gar nicht stemmen können. Man muss sich vor Augen führen: Der Einzige, der immer von Lohnerhöhungen profitiert, ist der Staat.
Leider ist Handwerk in vielen Bereichen inzwischen ein Luxusprodukt. – Wilfried Pfeffer
Monz: Wir müssen noch viel stärker die steuerlichen Anreize für Mitarbeitende erhöhen. Ich bin überzeugt, dass viele sogenannte Babyboomer gerne länger arbeiten würden, wenn sich das steuerlich lohnen würde. Ich plädiere außerdem für steuerliche Anreize fürs Eigenheim. Allein Fördergelder bereit zu stellen, dass man bauen oder günstig mieten kann, greift zu kurz. Die Hinweise darauf könnten nicht eindeutiger sein. Wir haben die geringste Eigentumsquote in Europa. Das Thema steuerliche Anreize für Eigenheime sehe ich noch vor Bürokratieabbau und Bekämpfung des Fachkräftemangels.
Was kann man aus der Vergangenheit lernen?
Helga Günther: Wenn man sich heute anschaut, dass lokal hergestellte Modeprodukte bei vielen Zielgruppen im Trend liegen, ist es bedauerlich, dass hier Chancen vertan wurden. Viele Handwerker, die diesen durchaus interessanten Bereich für die Wirtschaft hätten wahrnehmen können, haben sich aufgrund der schlechten Bezahlung und mangelnden Ausbildungschancen nicht für den Beruf entschieden. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass kleine Gewerke anders als große Firmen besteuert werden. Jetzt ist es zu spät, wie man allein am Sterben der Maßschneiderinnungen sieht. Sogar die Innung in Ravensburg ist am Ende. Durch mangelnde Unterstützung stirbt der Beruf aus und wenn es irgendwann niemanden mehr gibt, der die Schneiderkunst weitergeben kann, dann ist das unumkehrbar.
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Helga Günther
- gelernte Schneidermeisterin
- mit 30 Jahren Lehre beendet und mit 40 Jahren den Meistertitel
- ehemals in der Vollversammlung und in der Innung aktiv
Handwerk soll goldenen Boden haben. Ihre Wünsche und Ideen, dass das so bleibt:
Günther: Ich habe kürzlich etwas ganz Interessantes gehört. Vier Bäcker haben sich zusammengetan. Zwei Tage wird das eine gebacken und zwei Tage das andere. Die Kunden gehen darauf ein. So entstehen für Bäcker auch attraktivere Arbeitszeiten. Das finde ich ein tolles Beispiel, das Mut macht.
Ich sehe auch Bedarf an Menschen mit Führungsqualitäten, viele Handwerksbetriebe stehen kurz vor der Übergabe. Wer heute in der Industrie ausscheidet, ist im Handwerk herzlich willkommen.
Ulrike C. Monz
Pfeffer: Das Wissen und die Erfahrung sind der goldene Boden, das Aktienkapital der Handwerker. Ich habe oft den Eindruck, dass manches Handwerk sich zu billig verkauft. Das kommt auch durch Soloselbstständige, weil diese anders kalkulieren. Wenn sich im Handwerk niemand mehr unter Preis verkaufen würde, hätten wir eine viel größerer Lobby in Deutschland und könnten so für das Gemeinwohl viel mehr bewegen. Und wir müssen für ein höheres Engagement bei der Fort- und Weiterbildung kämpfen. Denn wenn eine hochwertige Ausbildung nicht gefördert wird, entstehen immer mehr Hilfsjobs in einem tariflosen Zustand. Aber auch im Handwerk braucht man schon lange keine Handlanger mehr. Und dann schließt sich der Kreis zum goldenen Boden auch wieder: Ein guter Betrieb hat immer Aufträge, ein guter Betrieb findet immer Lehrlinge, es entstehen für Verbraucher keine Versorgungslücken.
Wagner: Für mich gehören Bürokratieabbau und Imageförderung zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine goldene Zukunft des Handwerks. Zu den Themen Bildung und Weiterbildung kann ich einbringen, dass auch Modernisierung immer mitgedacht werden muss. Bei uns Konditoren wäre wichtig, dass das, was in der Praxis nachgefragt wird – beispielsweise vegane Produkte – auch in Lehrpläne und Prüfungen Einzug erhält. Oder Molekularküche. Das würde den Beruf attraktiver machen. Einwegkommunikation ist nicht mehr zeitgemäß. Junge Menschen wollen ihre Ideen einbringen und Verantwortung übernehmen. Das muss in der Ausbildung möglich sein.
Günther: Da gebe ich Ihnen zu 100 Prozent recht. Aus- und Weiterbildung muss zudem höchst anpassungsfähig sein. Ein Beispiel aus meiner aktiven beruflichen Zeit: Ich hatte durch meinen langjährigen Aufenthalt im Betrieb sehr viel Erfahrung mit maschineller Bearbeitung und wollte dieses wertvolle Wissen für fortschrittliche Arbeit natürlich auch einbringen.

Es wurde einiges gesagt, was Arbeitgeber tun sollten. Was sind Forderungen von Arbeitgebern?
Pfeffer: Ich höre vor allem von Soloselbständigen, dass sie nicht mehr ausbilden, weil zuviel Zeit für die Betreuung draufgeht. Firmeninhaber sagen, dass Ausbildung inzwischen häufig deutlich über das rein Fachliche hinausgehe. Dass es beispielsweise an grundlegenden Mathekenntnissen und sozialer Kompetenz mangele. Wenn ein kleiner Betrieb Versäumnisse von Erziehungsberechtigten und aus der Schulzeit auch auffangen muss, kann die eigentliche Arbeit nicht mehr gemacht werden und so wird auf Ausbildung verzichtet. Solche Entwicklungen sind besorgniserregend.
Ein Blick in die Zukunft: Was macht Hoffnung?
Monz: Handwerker stellen jeden Tag Originale her. Das ist Kunst. Und das treibt uns Handwerker an. Damit an die Öffentlichkeit zu gehen, halte ich für sehr wichtig. Was mir kürzlich auch eingefallen ist: Künstliche Intelligenz könnte dem Handwerk hilfreich sein. Nicht, dass KI eine Torte backen oder eine Mauer bauen kann – mittelfristig halte ich das für unmöglich. Aber durch KI werden womöglich viele Jobs in anderen Branchen wegbrechen. Das Handwerk braucht viele schlaue Köpfe. Beispielsweise um mit hoch elektronischen Geräten umgehen zu können. Das ist eine riesige Chance für uns: Wir können Menschen gewinnen, die dazu bereit sind, umzulernen. Ich sehe auch Bedarf an Menschen mit Führungsqualitäten, viele Handwerksbetriebe stehen kurz vor der Übergabe. Wer heute in der Industrie ausscheidet, ist im Handwerk herzlich willkommen.
Pfeffer: Dass die Lehrerinnen und Lehrer jetzt im Handwerk Betriebspraktika machen, finde ich eine tolle Initiative der Handwerkskammer. Das wäre auch für den ein oder anderen Politiker eine Idee, um mehr Gespür für drängende Probleme zu bekommen.
Vielen Dank für Ihre Zeit!

Die Handwerkskammern in Baden-Württemberg präsentieren anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens eine neue Webseite mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Hier geht’s zur Homepage: www.125hwk.org