Handwerkskammer Ulm macht sich für Vielfalt der Berufsbilder stark und warnt vor Folgen einer Zusammenlegung einzelner Splitterberufe – Betriebliche Praxis entscheidet über Bedarf von Berufen

Die Handwerkskammer Ulm macht sich für den Erhalt fachlich notwendiger Spezialisierungen und eigenständiger Berufsprofile im Handwerk stark. Sie warnt vor einer Diskussion um eine pauschale Zusammenlegung einzelner sogenannter Splitterberufe, um die Verwaltung zu vereinfachen und Kosten zu sparen. Damit reagiert die Ulmer Kammer auf einen aktuellen Vorstoß aus dem Bundesland Sachsen. Hintergrund ist ein Entschließungsantrag, der kürzlich vom Freistaat im Bundesrat eingebracht wurde und auch die Berufslandschaft in Baden-Württemberg verändern und einschränken würde. Der Antrag zielt darauf ab, die Anzahl der anerkannten Ausbildungsberufe in der dualen Berufsausbildung zu verringern. Die aktuell 328 anerkannten Ausbildungsberufe einschließlich ihrer Fachrichtungen und Schwerpunkte sollen demnach in ihrer Vielfalt gebündelt und gestrafft werden. Das Land Sachsen begründet den Antrag damit, dass die große Menge an Spezialisierungen zu Unübersichtlichkeit führe und dies Jugendlichen die Berufsorientierung und Betrieben die passgenaue Suche erschwere. Zudem solle die Maßnahme die Berufsschulen entlasten, die bei zu kleinen Klassen Probleme in der Beschulung haben. „Die Zahl der Ausbildungsberufe ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob ein Berufsbild in der Praxis der Betriebe gebraucht wird und die dadurch angebotenen Produkte und Dienstleistungen auf unserem Markt gebraucht werden. Und das ist selbst bei sogenannten seltenen Ausbildungsberufen der Fall“, sagt Dr. Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm.
Ordnung der Berufe ist Kernaufgabe der Sozialpartner
Die Handwerkskammer Ulm kritisiert den Vorstoß und warnt vor weitreichenden Konsequenzen für das Handwerk. Eine stärkere Übersichtlichkeit in der beruflichen Bildung sei grundsätzlich ein legitimes Ziel. Sie dürfe jedoch nicht dazu führen, dass gewachsene und am Bedarf der Betriebe ausgerichtete Berufsprofile aufgegeben oder fachlich notwendige Spezialisierungen verwischt werden. Die Ordnung der Berufe sei laut Kammer eine Kernaufgabe der Sozialpartner – also der zuständigen Fachverbände, Handwerksorganisationen, der Gewerkschaften und allen weiteren an der Berufsbildung beteiligten Akteure – und lasse sich nicht einfach durch politische Zusammenlegung von der Politik qua Beschluss lösen. Mehlich weiter: „Wir brauchen keine Reform um der Reform willen. Wir brauchen in unserem regionalen Handwerk Ausbildungsberufe, die modern, attraktiv und praxistauglich sind und den Jugendlichen einen Berufseinstieg und eine Perspektive bieten. Wo Berufe sinnvoll zusammengeführt werden können, sollte das geprüft werden. Aber diese Entscheidung muss aus der betrieblichen Praxis heraus getroffen werden – gemeinsam mit den Sozialpartnern. Das ist nicht Aufgabe der Politik.“
Aus Sicht des Handwerks greift die hohe Zahl anerkannter Ausbildungsberufe als Grundlage für eine Reform zu kurz. Es brauche mehr als eine rein quantitative Betrachtung. Denn viele handwerkliche Berufe unterscheiden sich nicht nur auf dem Papier. Sie erfordern spezifische technische Kenntnisse, Arbeitsverfahren, Materialien und Kompetenzen. Diese Unterschiede sind für die Ausbildungsbetriebe und ihre Kundinnen und Kunden unmittelbar relevant. „Gerade das Handwerk lebt von einer großen fachlichen Vielfalt. Wer Berufe allein mit dem Ziel zusammenlegt, die Zahl der Ausbildungsberufe statistisch zu verringern, riskiert, an der Praxis vorbeizureformieren“, so Mehlich. „Dass das keine Frage der Anzahl ist, zeigt doch die Entwicklung der akademischen Studienangebote, die ebenfalls auf einen Beruf vorbereiten sollen: Mittlerweile gibt es mehr als 22.000 unterschiedliche Studienangebote in Deutschland, gegenüber 328 Berufen in der dualen Ausbildung. Ganz abgesehen davon, dass eine Unübersichtlichkeit und auch Kosten bei einer solchen Zahl wohl noch deutlicher gegeben sein würden.“
Besonders kritisch sieht das Handwerk den Ansatz, strukturelle Probleme bei der Beschulung über eine Reduzierung von Ausbildungsberufen lösen zu wollen. „Wenn Berufsschulstandorte fehlen oder Klassen aufgrund geringer Schülerzahlen schwer zu organisieren sind, ist das zunächst ein Problem der Bildungsinfrastruktur – nicht der Ausbildungsberufe.“ Entscheidend müsse sein, ob eine gemeinsame Beschulung fachlich und didaktisch sinnvoll ist. Die betriebliche Ausbildung müsse weiterhin die Möglichkeit bieten, die für den jeweiligen Beruf erforderlichen Kompetenzen gezielt zu vermitteln.
Stark spezialisierte Ausbildungsberufe und seltene Handwerke im Fokus
Würde man den Antrag aus Sachsen konsequent umsetzen, so wären vor allem stark spezialisierte und seltene Ausbildungsberufe mit einer geringen Zahl an Auszubildenden betroffen. Konkret wären das etwa Bürsten- und Pinselmacher, Segelmacher, Geigenbauer, Feintäschner, Maßschuhmacher, Drechsler und Holzspielzeugmacher. Derzeit kann man im regionalen Handwerk mehr als 130 verschiedene Berufe erlernen. Mehlich abschließend: „Wir müssen ehrlich sein und die Konsequenzen dieser scheinbaren Bildungsangelegenheit aussprechen: Wenn wir keine Ausbildung mehr haben, beispielsweise zum Geigenbauer, dann verlieren wir als Land die Kompetenz Geigen zu bauen und zu reparieren. Dann gibt es auch keine Orchester und in der Folge keine Konzerte und Festspielhäuser mehr. Oder wir kaufen auch das alles in China ein.“
Im Gebiet der Handwerkskammer Ulm sind in diesem Jahr zum offiziellen Ausbildungsstart am 1. September insgesamt 2.971 Jugendliche in eine handwerkliche Lehre gestartet. Zu den Berufen mit den zahlenmäßig wenigsten Azubis gehören 2026 vor allem Orgelbauer, Parkettleger, Seiler, Sattler, Glaser, Oberflächenbeschichter und Metallblasinstrumentenmacher.
Handwerksberufe mit den wenigsten neuen Azubis (jeweils nur 1 neu abgeschlossener Lehrvertrag) im Ulmer Kammergebiet nach Landkreisen:
Alb-Donau-Kreis:
Straßenbauer, Beton- und Stahlbetonbauer, Zweiradmechatroniker, Parkettleger, Raumausstatter
Biberach:
Parkettleger, Orthopädietechnik-Mechaniker, Zahntechniker, Glaser, Orgelbauer
Bodenseekreis:
Gerüstbauer, Gold- und Silberschmid, Gebäudereiniger, Orthopädieschuhmacher, Technischer Systemplaner
Heidenheim:
Straßenbauer, Stuckateur, Orthopädieschuhmacher, Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker, Zweiradmechatroniker
Ostalbkreis:
Bestattungskraft, Verfahrenstechnologie in der Mühlen- und Getreidewirtschaft, Sattler, Oberflächenbeschichter, Straßenbauer
Ravensburg:
Raumausstatter, Gerüstbauer, Kosmetiker, Steinmetz, Metallblasinstrumentenmacher
Stadtgebiet Ulm:
Kosmetiker, Klempner, Steinmetz und Steinbildhauer, Fleischer, Bauwerksabdichter