I. Warum eine Unternehmensbewertung?
1. Bedeutung der Unternehmensbewertung im Handwerk
Im Laufe des Lebenszyklus eines Handwerksbetriebs stellt sich irgendwann die Frage nach dem Wert des Unternehmens. Anders als bei börsennotierten Unternehmen gibt es im Handwerk keinen täglichen Börsenkurs, der den Marktwert anzeigt. Dennoch ist die Kenntnis des Unternehmenswerts für viele Situationen entscheidend – von der Nachfolge über den Verkauf bis hin zu Finanzierungen oder strategischen Entscheidungen.
Inhaberinnen und Inhaber kleiner und mittlerer Handwerksbetriebe verknüpfen mit ihrem Betrieb nicht nur wirtschaftliche Interessen, sondern auch Emotionen. Oft wurde der Betrieb über Jahrzehnte aufgebaut und ist eng mit der eigenen Person verbunden. Eine sachliche und fundierte Bewertung hilft, diese emotionale Perspektive mit einer betriebswirtschaftlichen Realität in Einklang zu bringen.
2. Typische Anlässe für eine Bewertung
- Unternehmensnachfolge: Bei familieninternen Übergaben oder externen Verkäufen.
- Verkauf oder Kauf eines Betriebs: Grundlage für Preisverhandlungen.
- Ein- oder Austritt von Gesellschaftern: Fairer Ausgleich der Anteile.
- Bankgespräche / Kreditwürdigkeitsprüfung: Einschätzung der Sicherheiten.
- Erb- und Schenkungsangelegenheiten: Ermittlung des steuerlich relevanten Werts.
- Scheitern von Partnerschaften oder Ehescheidungen: Bewertung für Aufteilungen.
- Strategische Steuerung: Kennzahlenbasierte Unternehmensführung und Investitionsentscheidungen.
II. Überblick über Bewertungsverfahren
Es gibt verschiedene Methoden zur Bewertung von Unternehmen:
| Methode | Charakteristik |
| Ertragswertverfahren | Bewertet das Unternehmen anhand zukünftiger Gewinne (abgezinst). |
| Substanzwertverfahren | Bewertet die vorhandenen Vermögenswerte (Gebäude, Maschinen etc.). |
| Vergleichswertverfahren | Stützt sich auf Marktvergleiche ähnlicher Unternehmen. |
| Discounted-Cashflow (DCF) | Kapitalmarktorientiert, stark zukunftsorientiert, komplex. |
| Multiplikatormethode | Schätzt den Wert durch branchenspezifische Multiplikatoren (z.?B. Umsatz). |
Diese Verfahren haben Vor- und Nachteile – doch speziell für das Handwerk hat sich ein Verfahren besonders bewährt: Die AWH-Methode.
III. Die AWH-Methode im Detail
1. Ursprung und Zielsetzung
Die AWH-Methode wurde von der Arbeitsgemeinschaft der Wert ermittelnden Berater im Handwerk entwickelt. Ziel war es, ein Verfahren zu schaffen, das:
- auf kleine und mittlere Handwerksunternehmen zugeschnitten ist,
- einfach, nachvollziehbar und praxistauglich ist,
- sowohl Ertragskraft als auch immaterielle Werte berücksichtigt,
- und nicht auf Börsenlogik oder komplexe Investorenmodelle angewiesen ist.
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2. Grundstruktur der AWH-Methode
Die AWH-Methode kombiniert drei zentrale Komponenten:
Ertragswertkomponente (Kernstück) Basis: Die nachhaltig erzielbaren Gewinne (modifiziertes Betriebsergebnis).
Berechnung: Ausgangspunkt sind die Ergebnisse der letzten 4 Jahre. Außerordentliche, einmalige oder nicht betriebsnotwendige Positionen werden bereinigt. Korrekturen bei Unternehmerlohn (z. B. zu hoch oder zu niedrig angesetzt) erfolgen. Der „bereinigte Jahresgewinn“ wird durch einen Kapitalisierungszinssatz auf den heutigen Wert abgezinst.
Ziel: Ermittlung des Ertragswerts als zentraler Indikator der Zukunftsfähigkeit.
Substanzwertkomponente Definition: Der Wert des vorhandenen Vermögens, das nicht direkt zur Ertragskraft beiträgt.
Berücksichtigte Vermögenswerte: Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Fahrzeuge, Vorräte, Lager. Nicht betriebsnotwendige Vermögensbestandteile (z.?B. vermietete Immobilien).
Wertansatz: Realistische Wiederbeschaffungswerte, nicht Buchwerte.
Ziel: Sicherstellung, dass der materielle Wert nicht unterbewertet wird.
Info: Hier werden sehr oft auch die Buchwerte zu Grunde gelegt und im Einzelfall eine zusätzliche, gesonderte Bewertung erstellt.
Besondere Erfolgsfaktoren („Goodwill-Komponente“) Diese Komponente unterscheidet die AWH-Methode maßgeblich von anderen Verfahren.
Sie bewertet immaterielle Werte, die für Handwerksbetriebe existenzentscheidend sind, wie: Image und Bekanntheit, Qualität und Beständigkeit des Kundenstamms, Standortvorteile, Personalstruktur und Know-how, Spezialisierungen oder Alleinstellungsmerkmale.
Die Bewertung erfolgt in der Regel durch ein Punktesystem, das den Ertragswert nach oben oder unten anpasst.
IV. Vorteile der AWH-Methode für Handwerksbetriebe
Die AWH-Methode überzeugt durch eine Vielzahl praktischer und fachlicher Vorteile, insbesondere im Vergleich zu standardisierten Verfahren:
1. Branchenspezifischer Zuschnitt Die AWH-Methode berücksichtigt die Realitäten im Handwerk – von familiären Strukturen über Einzelunternehmen bis hin zu GmbHs. Sie ist nicht von Großbetrieben oder Börsenmodellen abgeleitet, sondern von der handwerklichen Praxis.
2. Berücksichtigung von Unternehmerlohn und Inhaberstruktur Viele Verfahren ignorieren, dass Inhaber oft keinen marktkonformen Lohn beziehen. Die AWH-Methode korrigiert diese Verzerrung systematisch, was besonders für Einzelunternehmen wichtig ist.
3. Einbeziehung immaterieller Faktoren Diese Erfolgsfaktoren (Goodwill) sind in Handwerksbetrieben oft der wahre Wert – etwa die Bindung zu Stammkunden, lokale Marktstellung oder ein eingespieltes Mitarbeiterteam. Diese fließen direkt in die Bewertung ein.
4. Transparente und nachvollziehbare Logik Gerade bei Verhandlungen mit Nachfolgern, Banken oder Steuerbehörden ist eine transparente Herleitung entscheidend. In der AWH-Methode werden alle Schritte klar dokumentiert.
5. Praktikabilität auch ohne Bilanz Viele Handwerksbetriebe arbeiten mit der Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR). Die AWH-Methode lässt sich auch bei solchen Betrieben anwenden – ein immenser Vorteil gegenüber Methoden, die zwingend Bilanzen verlangen. Hier muss allerdings klargestellt werden, dass eine 100% rechtskonforme Bewertung auch mit der AWH-Methode nur mit Bilanzen möglich ist. Die Möglichkeit der speziell auf das Handwerk anzuwendenden Bewertung besteht jedoch trotzdem.
V. Wo wird die AWH-Bewertung konkret eingesetzt?
1. Unternehmensnachfolge
- Familienintern: Eine faire, objektive Bewertung kann Streit vermeiden.
- Extern: Die Bewertung liefert eine belastbare Grundlage für Preisverhandlungen und Kaufverträge.
- Fördermittel und Finanzierung: Eine realistische Bewertung wird oft zur Beantragung von Förderprogrammen oder Bankkrediten verlangt.
2. Kauf und Verkauf
- Die AWH-Methode bietet Käufern wie Verkäufern eine fundierte Entscheidungsgrundlage:
- Verkäufer erkennen, was ihr Betrieb tatsächlich wert ist.
- Käufer erhalten eine objektive Einschätzung, um Risiken zu bewerten.
3. Ein- und Austritt von Gesellschaftern
- Bei der Aufnahme neuer Teilhaber oder dem Ausstieg eines Mitgesellschafters ist eine saubere Bewertung essenziell, um faire Abfindungen zu ermöglichen und einen transparenten Wert der Gesellschaftsanteile darlegen zu können.
4. Erbschaft, Schenkung, Ehescheidung
- Bewertung für steuerliche Zwecke (z.?B. Erbschaftssteuer).
- Grundlage für gerechte Aufteilungen bei Eheauflösungen oder Generationenwechseln.
5. Kreditgespräche und Rating bei Banken
- Banken verlangen immer häufiger betriebswirtschaftliche Auswertungen und nachvollziehbare Bewertungen als Grundlage für Kreditvergabe.
- Eine AWH-Bewertung signalisiert Professionalität, Transparenz und schafft Vertrauen.
6. Strategische Planung
- Ermittlung von Wertsteigerungspotenzialen.
- Grundlage für Investitionsentscheidungen.
- Benchmarking im Zeitverlauf.
VI. Fazit: Ein Werkzeug mit Weitblick
Die Unternehmensbewertung nach der AWH-Methode ist kein reines Rechentool, sondern ein strategisches Instrument zur Sicherung und Gestaltung der Zukunft eines Handwerksbetriebs. Sie bietet:
- Praxisnahe und individuelle Bewertungslogik,
- Einbezug materieller und immaterieller Werte,
- Verlässlichkeit für viele wirtschaftliche und rechtliche Anwendungsbereiche.
Empfehlung
Lassen Sie Ihre Bewertung von fachkundigen, AWH-zertifizierten Beraterinnen und Beratern ihrer zuständigen Handwerkskammer durchführen.
Sie wollen noch tiefer ins Thema einsteigen? Dann melden Sie sich zu unserer Veranstaltung „Werkstattgespräch 2025 – Was ist Ihr Betrieb wert?“ an.